Das Zwetschenkuchen-Essen
der Historischen Schützengemeinschaft Waldeck

(Entstehungsgeschichte nach Wilhelm Wilke, Schützengilde 1539 Twiste)

In Twiste wurde das letzte Freischießen im Jahre 1848 abgehalten und danach im Jahre 1858 durch den damaligen Bürgermeister und Domänenpächter Theodor Herrmann verboten. Zwar hatte man laut Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 10.4.1858 beantragt, das Schützenfest nach 10 Jahren in der bisherigen Form wiederaufleben zu lassen. Der Antrag wurde jedoch zur weiteren Beratung vertagt und schließlich nach mehrfacher Vertröstung durch Theodor Herrmann später ganz von der Tagesordnung gestrichen. Herrmann handelte wahrscheinlich auf Anweisung höchster waldeckischer Regierungsstellen in Arolsen, weil sich einige Twister Bürger etwas "unrühmlich" bei der Revolution im Jahre 1848 hervorgetan hatten.

Die Unruhen, die damals in ganz Deutschland herrschten, griffen auch auf das sonst so friedfertige Waldecker Land über. Am 14.4.1848 traten aufgebrachte Landleute von Goddelsheim, Immighausen, Ense und Nordenbeck aus ihren Marsch zur Residenzstadt an. Unterwegs erhielten sie noch Verstärkung in Korbach, Berndorf, Twiste und Mengeringhausen, und ein Haufen von ca. 600 - 800 mit Stöcken, Knüppeln und anderen Gegenständen bewaffneter Männer strömte nach Arolsen. 21 beteiligte Twister wurden von dem für 1848 gewählten Richter Saake angeführt, einem früheren Apotheker, der sich in Twiste als Bierbrauer und Gastwirt niedergelassen hatte. Ein Twister, der unter dem "Krakeler" Saake mitmarschiert war, musste auf Saakes Anordnung der damaligen Regentin Emma zurufen: "Fürstin, kummet moal router, wie wollt Revolution habben!" Auf die Frage der Fürstin, was das denn sei, habe er geantwortet: "Datt is ganz egal, watt datt is, im Hessisken hatt' set auk!" Einer der beteiligten Twister wurde als Aufrührer mit einem Jahr Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte betraft, die er erst nach 9 Jahren wieder zurückerhielt.

Anlässlich der 1100-Jahrfeier der Gemeinde Twiste wurde nach 102 Jahren des Verbotes die Twister Schützengilde am 11.7.1960 wiedergegründet. Bei dieser Wiedergründung standen die benachbarten Schützengesellschaften aus Mengeringhausen, Mühlhausen und Korbach Pate.

Bei der Wiedergründungsfeier der Twister Schützengilde baten Ernst, Gottfried und Wolrad Brand, die drei Urenkel des Bürgermeisters Theodor Herrmann stellvertretend für  ihren Urahn feierlichst um Vergebung für das damals ausgesprochene Verbot. Nach einer symbolischen "Tracht Prügel" für die drei Urenkel, verabreicht durch den Twister Schützenbruder Walter Debes, stimmte die Versammlung der erbetenen Vergebung und einer Aufnahme in die "Twister Schützengilde 1539" zu.

Durch die Mengeringhäuser Schützenabordnung wurde eine "Mütte Korn" (Mütte = Saatwanne) an Christian Reuter, den Bürgermeister von Twiste und Schützenkönig ehrenhalber, übergeben mit der Bitte, dieses Korn zu mahlen und daraus Zwetschenkuchen zu backen. Die Vorstände und Schützenkönige der Schützengesellschaften Korbach, Mühlhausen, Mengeringhausen und Twiste sollten zu einem späteren Zeitpunkt mit diesem Kuchen verköstigt werden.

Diese "Mütte Korn" sollte an eine Landschenkung des Burgherren Philipp von Twiste an die Schützengilde Mengeringhausen im Jahre 1502 erinnern. Acht Morgen Land am "Alten Feld" und das dazugehörige Saatgetreide waren der Dank Philipps von Twiste für den heldenhaften Einsatz der Mengeringhäuser beim Überfall des Raben von Canstein.

Die Wiedergründung der Schützengilde Twiste sowie das immer enger werdende Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den vier Schützengesellschaften aus Korbach, Mühlhausen, Mengeringhausen und Twiste sollten am 12. Oktober 1970 zu einer Kafeetafel mit Zwetschenkuchen-Essen im Cafe Krauskopf in Twiste führen.

Die ursprüngliche "Mütte Korn", der von den Mengeringhäusern übergebene Weizen, war bereits lange zuvor an die Hühnerdes damaligen Schützenkönigs ehrenhalber, Christian Reuter, verfüttert worden. So erklärte sich 1970 der amtierende Schützenkönig und Bäckermeister Karl Krauskopf bereit, dieses Zwetschenkuchen-Essen auszurichten.

Einer mündlichen Überlieferung des damaligen Vorsitzenden der Schützengilde Twiste Erich Schmidt zufolge, verkündete der Gastgeber Krauskopf am Ende des offiziellen Teils des Zwetschenkuchen-Essens: "Der Kaffee ist gespendet, den Zwetschenkuchen bezahlt bitte jeder selbst!". Diese peinliche Situation rettete Erich Schmidt indem der verkündete, dass die Schützengilde Twiste als Gastgeber selbstverständlich die gesamt Bewirtung übernähme. Seitdem treffen sich die Vorstände, Schützenkönige und Medaillenträger der in der Historischen Schützengemeinschaft Waldeck, die im gleichen Jahr gegründet wurde, verbundenen Vereine zum jährlichen Zwetschenkuchen-Essen.

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